Endlich scheint sich die Einsicht durchzusetzen: Die AHV lässt sich nicht dauerhaft mit immer höheren Steuern und Abgaben finanzieren. Damit rücken strukturelle Reformen in den Fokus. Ein Modell, das derzeit besonders viel Aufmerksamkeit erhält, ist die Lebensarbeitszeit. Gleichzeitig gilt es, einfacher umsetzbare Reformen wie eine Schuldenbremse für die AHV konsequent voranzutreiben.
Wie der Tages-Anzeiger berichtet, erhält das Modell der Lebensarbeitszeit zunehmend Unterstützung. Die Idee dahinter: Nicht mehr allein das Alter soll über den Renteneintritt entscheiden, sondern beispielsweise die Anzahl geleisteter Beitragsjahre. Wer früh ins Berufsleben einsteigt, könnte damit früher in Pension gehen als jemand, der zunächst ein Studium absolviert.
Der Ansatz findet Anklang: Gemäss einer Umfrage im Auftrag des Centre Patronal beurteilen 72 Prozent der Befragten ein Lebensarbeitszeitmodell positiv. Auch mehrere Parteien von der SVP bis zur GLP sprechen sich dafür aus, ein solches Modell im Rahmen der AHV 2030 zu prüfen.
Generationengerechtigkeit im Zentrum
Die Diskussion über eine strukturelle AHV-Reform ist wichtig, wir brauchen rasch eine Antwort auf eine grundlegende Frage: Wie können die Lasten der Altersvorsorge angesichts der steigenden Lebenserwartung gerecht verteilt werden? Immer weniger Erwerbstätige finanzieren die Renten einer wachsenden Zahl Pensionierter. Das setzt die AHV unter Druck.
Ein Lebensarbeitszeitmodell könnte unterschiedliche Erwerbsbiografien stärker berücksichtigen. Die Umsetzung ist allerdings anspruchsvoll, etwa bei Teilzeitarbeit, Betreuungsaufgaben oder körperlich belastenden Berufen. Auch FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt und GLP-Nationalrat Patrick Hässig erkennen diese Herausforderungen, halten sie jedoch für lösbar. Während Hässig für eine gerechtere Lastenverteilung zwischen Personen mit unterschiedlichen Ausbildungswegen plädiert, fordert Silberschmidt ein möglichst einfaches Modell, das nicht pauschal alle Lehrabgänger begünstigt. Damit sprechen beide zentrale Fragen an: Eine Reform muss unterschiedliche Erwerbsbiografien berücksichtigen, praktikabel sein und ihre finanziellen Auswirkungen auf die AHV im Blick behalten.
Strukturelle Reformen statt kurzfristiger Lösungen
Die Lebensarbeitszeit eröffnet eine interessante Reformperspektive. Ob und wie sie die AHV tatsächlich entlasten könnte, ist angesichts der offenen Fragen zur konkreten Umsetzung jedoch noch unklar. Umso wichtiger ist es, auch andere strukturelle Massnahmen voranzutreiben. Dazu gehört insbesondere ein verbindlicher Interventionsmechanismus im Sinne einer AHV-Schuldenbremse, der bei drohenden finanziellen Ungleichgewichten frühzeitig greift und mit einer zeitgleichen, moderaten Zusatzfinanzierung und einer massvollen Erhöhung des Rentenalters gegensteuert. Denn es steht ausser Frage: Die anstehende Reform AHV2030 muss über kurzfristige Finanzierungslösungen hinausgehen und die langfristige Stabilität der Altersvorsorge angesichts des demografischen Wandels sicherstellen.